Lyrik und Poesie
- Ein Märchen -

Der Schäfer und die Moorhexe

Teil 3 - Der Schäfer und die Moorhexe -

Ein Schäfer
jungen Frau gelegt, fröhlich seine Herde aus dem Stalltor trieb - dann schien kein Kummer den Sinn der Moorhexe zu trüben. Ihre Augen leuchteten in hellem Glück.

Der Sommer neigte sich seinem Ende zu, als abermals Unruhe einbrach in die Stille ihres Glückes. Die Schafe begannen eines Nachts zu rumoren. Sie hatten sich erhoben und drängten aneinander, die Lämmer suchten blökend Zuflucht bei ihren Müttern. Der Schäfer öffnete die Tür, um Umschau zu halten nach einer Ursache. Nichts regte sich. Über die Wiese aber zogen Nebel. Trotzdem kein Lüftchen sich rührte, wogten sie hin und her in steter Bewegung. Plötzlich verdichteten sich die Schwaden und zogen hin zu ihm, der regungslos in der Tür stand. Da sah er im blassen Licht des Mondes, dass es Leiber waren mit weißen Gesichtern, die ihn feinselig anstarrten. Er sprang zurück, verschloss fest die Tür hinter sich und legte sich leise zu seiner schlagen Moorfrau. Er lag wach die ganze Nacht.

Von nun an lag ein Schatten über dem Glück des Schäfers, da er begriffen hatte, dass das Moor sein Geschöpf zurück forderte. Bange Sorge erfüllte sein Herz. Doch zugleich stieg wilder Trotz in ihm auf. Sie würden ihre Schwester nicht bekommen, die weißen Nebelfrauen! Sein war sie, sein Weib gehörte ihm - auf der Erde das einzige Wesen, welches in Liebe ihm zugetan war! Und er wachte die Nächte hindurch und hörte seiner Herde heimliche Unruhe und wusste um die wartenden Moorgeister, die seine Hütte umkreisten.

Mit dem Herbst zog der Schäfer mit seiner Herde ins Dorf zurück. Die Bauern nahmen ihre Schafe in Empfang, doch machten sie große Augen, als er eine fremde Frau mit sich brachte. Wohl hatten die Dorfkinder schon erzählt von einem schwarzhaarigen Mädchen, welches sie bei dem Schäfer gesehen - sie hatten damit kein großes Interesse bei den Dorfleuten geweckt. Als jedoch der Schäfer mit der Fremden in seine Hütte einzog und dort wohnte, als wären sie Mann und Frau, da blieb es im Dorfe nicht ruhig. Eines Tages erschien der Dorfälteste bei ihm mit der Forderung, das fremde Weib fortzuschicken. Der Schäfer antwortete gar nicht. Er schaute den Mann an, als sähe er durch ihn hindurch - als schaue er hinter ihm in eine Ferne, die nicht mehr leibhaftig war. Vor diesem Blick ward der Bauer verlegen, er wandte sich zur Tür und ging hinaus.

Der Schäfer aber verschloss am Abend sorgfältig sein kleines Haus, welches am Dorfende lag und ging eilends zum Pfarrhaus. Dort klopfte er an die Tür. Der Pfarrer schüttelte den Kopf, als er des Schäfers Bitte vernommen hatte. "Eine Fremde, deren Herkunft du nicht angeben willst? Nein, Schäfer, so einfach kann ich euch nicht kirchlich trauen! Wir haben unsere Vorschriften!" Stumm stand der Schäfer eine Weile. Dann hob er seine ehrlichen Augen. "Ich will nichts Böses, Herr Pfarrer! Wenn ich etwas falsch gemacht habe, so sollte ich es jetzt wieder in Ordnung bringen." Als der Pfarrer nichts zu antworten wusste, ging der Schäfer zur Tür und war in der Dunkelheit verschwunden. In seiner Hütte saß er die ganze Nacht und sein Herz brach fast vor Liebe und Treue.