Lyrik und Poesie
- Ein Märchen -

Der Schäfer und die Moorhexe

Teil 4 - Der Schäfer und die Moorhexe -

Ein Schäfer
In diesem Herbst geschah es, dass das Dorf von schwerem Nebel befallen wurde. Niemals zuvor war es so arg gewesen. Des Morgens, wenn die Bauern die Türen öffneten, kam es hereingequollen wie kalter Dampf, so dass sie ärgerlich die Türen zuschlugen. Das Vieh in den Ställen begann zu brüllen und an den Riemen zu zerren und die alten Leute im Dorf fingen an mit ihrem Hüsteln und ihren Beschwerden viel früher und schlimmer an, als es sonst nötig und wichtig gewesen. Schließlich kam die Seuche ins Dorf, krankes Vieh stand in den Ställen und die Notschlachtungen waren an der Tagesordnung. Heimliche Geschichten aber gingen von Mund zu Mund - von einem Fluch, der über dem Dorf laste - von Geistern, die des Nachts vor den Fenstern gesehen worden waren - und Holzsammler, die den Wald durchstreift hatten zur Abendzeit, wollten schauerliches Rufen von Moor herüber gehört haben. Als eines Tages dann eine alte Frau vom Holzsammeln nicht zurückgekehrt war und die nach ihr Suchenden ihr Schultertuch aus dem Moor gefischt hatten - da stand das Gerücht auf wie eine steile Flamme, die längst heimlich unter der Asche geglüht. Niemand hätte zu sagen vermocht, wer es zuerst ins Dorf getragen. War es der Wind gewesen, der vom Walde herübergestrichen kam - hatte der Dunst der modernden Wiesen es durchs Dorf geschleppt - niemand hatte vordem davon gewusst und doch war es plötzlich da und in aller Munde: Des Schäfers Liebste war eine Moorfrau, war eine Moorhexe, ihr hatte man alles Unglück zu verdanken!

Hatten die Dorfbewohner zuvor schon jede Berührung mit der Fremden möglichst vermieden, so trat nun offene Feindschaft hervor.

Der Schäfer hörte das Geraune und sah die Feindschaft, welche sich nicht mehr verbarg. Er spürte die herannahende Gefahr und beschloss, mit seiner jungen Frau das Dorf zu verlassen und in die Welt hinein zu wandern, eine neue Heimat zu finden. Er begann seine wenigen Habseligkeiten zu ordnen und zu packen. Da fiel ihm eine im Sommerstall verbliebene Schafdecke ein, derer sie im Dorfhaus nicht bedurft hatten, welche jedoch nun auf ihrem Weg in die weite Welt ihnen unentbehrlich sein würde. So verließ er gegen Abend eilends das Haus sie zu holen, denn in der Frühe des nächsten Tages bereits wollte er den Staub des Dorfes von seinen Füssen geschüttelt haben.

Da wollte es das Unglück, dass zu dieser Stunde im Dorf ein totes Kind geboren wurde. Ein Wort fiel, und ein zweites, und schon stand es fest: Auch dieses Unglück war der Moorhexe zu verdanken! Die Frauen redeten sich in Wut, die Männer schlossen sich ihnen an, tödlicher Hass übertönte jegliche Vernunft. Und als einer die Nachricht brachte, dass der Schäfer soeben aus dem Dorf gegangen, da brachen die Dämme der lang gestauten Wut. Verbrennen wollten sie die Hexe! - Ausräuchern aus dem Dorf! - Totschlagen würden sie das Moorweib, welches soviel Unglück über das Dorf brachte! Mit Armen voller Heu und Holz rannten sie zu des Schäfers Hütte.

Als die Flammen an den Wänden emporzüngelten, stand plötzlich die Moorfrau unter der Tür. Sie stand dort mit stillem Gesicht und schaute aus dunklen Augen so