Lyrik und Poesie
- Ein Märchen -

Der Schäfer und die Moorhexe

Teil 5 - Der Schäfer und die Moorhexe -

Ein Schäfer
sehr verwundert in die johlende Menge, dass diese einen Augenblick beschämt schwiegen. Doch dann flog ein Stein an ihre Stirn, ein zweiter an ihre Brust, dass sie taumelte. Entsetzen trat in ihre Augen, ihr Mund schien zu einem Hilferuf sich öffnen zu wollen, doch blieb er stumm. Da begann sie zu laufen, mitten durch die Menge hindurch, die, ängstlich vor einer Berührung mit der Hexe, vor ihr zurückwichen. Sie wollte ihrem Schäfer nach, der sie beschützen würde! Doch ungewohnt des Weges, verlor sie schnell die Richtung. Steine flogen hinter ihr her, Stöcke und Unrat und das Geschrei der Verfolger gellte in ihren Ohren. Ihr Herz zuckte - wirr schaute sie um sich, ob denn ihr Liebster noch nicht käme -. Sie lief weiter, von den Verfolgern gehetzt und fand sich am dunkelnden Waldrand, weitab von der Wiese ihres sommerlichen Glückes und weitab von den schützenden Armen ihres Geliebten. Hier am Waldesrand zwischen den Büschen kauerte sie nieder. Die jagende Angst war von ihr gewichen, namenlose Traurigkeit erfüllte sie. Fern über den Feldern erblickte sie einen Feuerschein; er berührte nicht ihren Sinn. Ihr Herz war angefüllt zum zerspringen mit Sehnsucht nach ihrem Geliebten. Verzweifelt schaute sie über das Land ob er nicht käme? ! Dann vernahm sie die Tritte der sie suchenden Verfolger. Sie lief weiter in den Wald hinein, aufs neue gehetzt von deren Flüchen und Schreien.

Plötzlich ward es still hinter ihr. Ein anderer Ton war aufgestanden im Walde. Ein Ton, so schauerlich, dass den Bauern ihr Schreien verging, dass sie sich duckten und in Entsetzen stehen blieben. Zwischen den Stämmen quoll dichter Nebel ihnen entgegen - Eiseskälte wehte sie an - und hinter dem Nebel klang das grausige Rufen, immer wieder und immer näher, dass ihnen das Blut gefror im Gebein. Schneller als sie gekommen, rannten sie aus dem Walde heraus.

Die Moorfrau aber stand inmitten der weißen Nebel. Schwesterliche Arme umfingen sie, trostreiche Augen schauten sie an. Sie fühlte das Lösen ihrer Füße von der Erde; ein Getragensein und Schweben in den Nebeln, sie spürte einen entsetzlichen Schmerz, als würde das Herz aus ihrem Leibe gerissen. Mit Augen die vor Herzeleid schwarz wurden wie die Moorwasser bei Nacht, zog sie ihrer Heimat entgegen.

Der Schäfer, vom Feuerschein seiner Hütte zurückgerufen, stand vor deren rauchenden Trümmern. Kaum sah er die sich scheu verbergenden Leute des Dorfes, kaum hörte er das feindliche Flüstern in den Türen. Die ganze Nacht hindurch suchte er vergebens zwischen Asche und verkohlten Balken. Der grauende Morgen blickte einem weißhaarigen, jungen Schäfer ins verfallene Angesicht.

Ein Kind kam vorbei. Des Schäfers Anblick mochte die verbotene Zunge in Mitleid lösen, denn es blieb stehen und sagte in Unbeholfenheit: "Sie ist gar nicht tot - sie haben sie in den Wald gejagt und dort haben die Nebel sie geholt!" Das Kind rannte schnell davon, als fürchte es sich plötzlich vor den Augen des Schäfers.

Da verließ der Schäfer die Brandstätte und verkroch sich in der Sommerhütte.
Des Abends aber stand er am Moor und schaute stumm hernieder auf die schwarzen Wasser. Und kamen die Nebel so schauerte er, und kamen die kühlen Arme, so lächelte er.

So stand er an den Stamm einer Birke gelehnt, jeden Abend und Jahre hindurch. Die hagere Gestalt hochgereckt, wie der Stamm hinter ihm und das erstarrte Gesicht wie in Holz geschnitzt. Er wurde ein Leib mit der Birke durch die Jahre hindurch. Denn niemand mehr hat ihn gesehen.

Die Birke aber steht noch heute am Rande der Stille. Sie wird dort stehen, bis das Moor sie aufnimmt zur großen Ruhe, die allem Schmerz Erlösung bringt.

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