Lyrik und Poesie
- Erzählungen -

Feier im Hof

Fortsetzung der Geschichte: Seite 6 von 6 - Kinder in Not -

Teil 6 - Spielende Kinder
kleine, schmächtige Junge war viel zu weit dem Alltag entrückt, er hörte Bernhards Worte wie aus ganz weiter Ferne; die Helligkeit, die so übermächtig in sein versehntes, kleines Jungenherz gefallen war, überstrahlte und verdeckte alles Vergangene und machte es zu Nebensächlichkeiten. Er setzte den ersten Fuß auf den überfrorenen Fluss. Grumkow ließ nicht locker, ging einige Schritte mit, um dann energisch stehen zu bleiben. "Fritz, sei vernünftig, komm mit mir zurück, Mensch, Fritz", schrie er ihn grob an, als Fritz nur den Kopf geschüttelt hatte, "das Eis hält nicht mehr!! Das Eis hält nicht mehr, verstehst du nicht, du Idiot?" brüllte er ihn vor Angst an, aber schon hatte Fritz sich von ihm losgerissen und ging weiter über das Eis der untergehenden Sonne entgegen. Bernhard schrie laut auf, bettelte hinter Fritz her, ging langsam, vorsichtig ihm noch einige Schritte nach, dann stand er still, seinem Freund mit entsetzten Augen nachstarrend. Fritz ging jetzt schon über blankes, helles Eis, von dem der Wind den Schnee fortgefegt hatte, er hörte Bernhard hinter sich rufen und erst merkte er bewusst, dass Grumkow, sein Freund, nicht mehr neben ihm war. Das gab ihm plötzlich einen Schlag ins Herz, ohne Freund war er wieder der schüchterne kleine Junge von ehedem. Nun auch erst fiel ihm der angstvolle Klang von Bernhards Stimme ins Ohr: Das Eis hält nicht mehr! In diesem Moment, als Fritz sich umdrehte, um voller Angst wieder zurückzulaufen, gab es einen hellen, singenden Ton unter ihm, er sah noch blitzartige schwarze Linien über das Eis zucken, dann fühlte er schon das eisige Wasser an seinen Körper dringen. Im letzten Moment breitete er instinktiv die Arme aus, so dass ein Arm noch auf dem Eis zum liegen kam, der ihn für eine kurze Zeit halten konnte. Grumkow hinter ihm stieß einen furchtbaren Schrei aus, er stürzte einige Schritte vor, warf sich dann auf den Bauch, um an das Loch heranzukommen. Er erreichte Fritzens Arm gerade, als dieser vom Eis heruntergleiten wollte, er packte ihn, schrie Fritz an, ihm Mut zu machen, dass er alle Kräfte zusammennehmen solle. Aber Fritzens Gesicht lag nur noch über dem Wasser, es war ganz weiß und starr, aus dem Mund aber kamen kleine, weinerliche Laute, die wie das jämmerliche Schluchzen eines ganz kleinen Kindes klangen. Bernhard schrie Fritz weiter an, aber Fritz hörte nichts mehr, er fühlte an seinem Körper nur diesen entsetzlichen schneidenden Schmerz des eisigen Wassers, seine Glieder waren bewegungslos und schwer wie Blei und er wurde müde, ach so müde. Nun fühlte er nichts mehr, eine warme Dunkelheit sank auf ihn nieder und durch diese Dunkelheit kam ein liebes, sanftes Frauenantlitz auf ihn zu und legte still seine weiche Wange an sein kleines Knabenangesicht. "Mama", dachte es noch in Fritz, "Mama" lächelte es plötzlich um seine weißen Lippen, dann glitt sein Seelchen fort. - Bernhard Grumkow sah dieses Lächeln über Fritzens starres Gesicht geistern, er dachte Fritz käme nun wieder zu sich und neue Hoffnung stieg in ihm auf. Mit seinen beiden Händen hielt er Fritzens Arm umklammert, er ließ ihn nicht frei, wohlwissend, dass sonst sein Freund unter dem Eis verschwinden würde. Bernhard sprach nun wieder zu Fritz, er rief ihn laut beim Namen, er bettelte um Antwort, fing schließlich an zu weinen in seiner Hilflosigkeit. Doch Fritz gab keine Antwort, sein Gesicht hatte sich verändert, er war trotz des kleinen zarten Lächelns um den Mund entsetzlich feierlich geworden, Grumkow ergriff ein Schaudern. Er richtete sich halb auf, das Land nach einer menschlichen Seele suchend, er fing an, gellend um Hilfe zu rufen, lange, lange Zeit! Doch niemand war um diese Abendstunde draußen auf den verschneiten Feldern, niemand war in der Nähe, um dem tapferen kleinen Grumkow in seiner Not beizustehen. Die Sonne war längst hinter weißem Dunst verschwunden, eine graue, eiskalte Dämmerung kam über Land und Fluss gekrochen. Bernhard Grumkow lag noch immer auf dem Eis, seine blaugefrorenen Hände fest um des toten Fritz Ärmel gekrallt, er war vom Schreien und Zerren matt geworden; er hatte noch den Versuch gemacht, Fritzens Arm in die entgegengesetzte Richtung zu führen, um ihn vielleicht gegen die Strömung heranziehen zu können, aber als er vorsichtig um das Eisloch herumzurutschen begonnen hatte, war das Eis unter ihm bedrohlich angefangen zu knacken und zu schwanken. So lag er wieder still, in die Dunkelheit hineinstarrend, seine Gedanken gingen schläfrig zur Stadt zurück, er dachte an die Mutter, wie sie wohl schelten würde, dass er nicht nach Hause kam - die unerledigte Besorgung beim Schlachter fiel ihm ein - sein kleiner Fritz hier durfte nicht aufs Eis gehen, nein, - er hätte ihn gar nicht aus der Stadt herauslassen dürfen - nun musste er ihn immerzu festhalten - seine Finger fühlte er gar nicht mehr, auch nicht seinen Körper. Bernhards Gedanken pendelten noch hin und her, aber sie waren ohne Kraft, alles Geschehene war so entfernt von ihm, so unbedeutend und zugleich unendlich sanft, die Augen waren ihm schon zugefallen, dann sank sein Kopf auf die Arme, er schlief ein. Als am nächsten Morgen ein Bahnbeamter zum Frühdienst über die Eisenbahnbrücke ging, sah er in der Entfernung etwas Dunkles auf dem Eis liegen. So wurden die beiden toten Knaben gefunden, nachdem die ganze Nacht hindurch ein entsetztes Suchen nach ihnen begonnen hatte. Bernhard Grumkows treue Hände konnten nicht von dem Ärmel seines kleinen Freundes befreit werden. So lag er mit den abgeschnittenen Stoffresten in seinen verkrampften Fäusten in dem einfachen Sarg, über den die verarbeiteten zitternden Finger seiner Mutter immer und immer wieder zärtlich hinstrichen, während Fritzchen oben in der 1. Etage in seinem prunkvollen Sarg noch immer jenes kleine glückliche Lächeln um den Mund hatte, für das niemand eine Erklärung wusste.

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